In den Wolken

„Schatz, du hast zu viel Fantasie.“

Kennt ihr diesen Satz?

Denke ich an meine Kindheit, so kommen mir immer wieder diese Worte in den Sinn. Zum Beispiel das eine Mal kurz vor Halloween, als ich überzeugt war, in unserer Gartenanlage ein Skelett vorbeihuschen zusehen. Oder damals, als ich meinen Eltern erste selbstgeschriebene Geschichten vorgelesen habe.

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Meine Gedanken flogen immer schon gen Himmel, die Augen hab ich aber stets fest auf die Erde gerichtet, weil ich fest entschlossen war, mit beiden Beinen auf dem Boden zu bleiben und fest im Leben zu stehen.

Trotzdem frage ich mich manchmal, ob in mir der Träumer vielleicht hin und wieder zu sehr die Oberhand gewinnt.

Ich merke, dass ich langsam in ein erwachsenes Alter komme. Manche werden bei diesen Zeilen schmunzeln. Aber ich bin 22 und längst hängen die meisten Gleichaltrigen nicht mehr nur im Club oder in der Mensa herum. Freundinnen von mir verloben sich, haben bereits seit Jahren einen geregelten Berufsalltag, reden von Kindern. Und auch ich merke, dass mein Leben einen sehr viel ernsteren Ton angenommen hat. Die Entscheidungen, die ich momentan versuche zu treffen, haben mehr Gewicht. Sie entscheiden über meine Zukunft. Meine längerfristige Zukunft. Es geht nicht mehr nur darum, welchen Leistungskurs ich für die nächsten zwei Jahre wähle, oder welche AG ich mir nach der Schule aussuche. Die Entscheidungen jetzt müssen sitzen. Die Fehler, die ich mache, sind nicht mehr nur mit Bleistift gezogen, sondern mit Kuli. Da hilft kein Radiergummi mehr, auch kein Tintenkiller.

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Vielleicht übertreibe ich – das liegt wohl in meiner Natur – aber das alles macht es mir doch hin und wieder schwer. Setzt mich unter Druck. Nicht immer, aber manchmal schleichen sich diese Bedenken an mich heran und streicheln mir über den Rücken. Oft kann ich sie ganz leicht abschütteln, manchmal sind sie jedoch ganz schön lästig.

Ich zermartere mir den Kopf: Was ist richtig, was ist falsch? Vielen Wegbegleitern scheinen die Entscheidungen leichter zu fallen. Ich sehe ihre Wege klar vor mir, ihnen fällt die Wanderung kinderleicht, kein Tropfen Angstschweiß zeichnet sich auf ihrer Stirn ab. Ihr Pfad verläuft gerade, sie brauchen kein Navi. Ich aber schon.

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Ich weiß zwar wo ich hin möchte, erkenne aber die Wegweiser nicht mehr so leicht. Es gibt mindestens drei Abzweigungen und ich kann nicht unterscheiden, hinter welcher wohl der leichtere Weg liegt. „Ene, mene, muh und raus bist du“ als Entscheidungshilfe ist mittlerweile auch keine Option mehr. Ich muss mich den Herausforderungen langsam anders stellen. Noch gewissenhafter, als ich es in der Vergangenheit ohnehin schon getan habe. Und das ist schwer! Hätte ich damals nur gewusst, dass es noch eine Steigerung gibt!

Liegt es an meinen hochstrebenden Träumen? Weil der Kopf vielleicht doch zu viel Zeit in den Wolken verbringt? Ist es falsch immer nach Höherem zu streben? Manchmal rufe ich mich doch zur Vorsicht: Je höher die Leiter, desto gefährlicher der Fall. Aber ich will mich eines Tages nicht fragen: „Was wäre wenn?“

Nein. Das möchte ich nicht.

Vielleicht ist es manchmal besser zu scheitern, als es nie versucht zu haben. Das ist momentan mein Mantra. Versuch es. Dann kannst du dir wenigstens in dieser Hinsicht keine Vorwürfe machen. Fallen ist ok. Hände abklopfen, die Schürfwunde heilen lassen und weiter. Nochmal fällt man nicht über den gleichen Stein.

Also bleibt mir vielleicht nichts anderes übrig als meine Gedanken machen zu lassen. Gönne ich ihnen doch die paar Stunden in den Wolken. Meinen Blick versuche ich trotzdem auf den Boden zu richten. Vielleicht habe ich Glück und die Kombi macht‘s. Und die Steine, übersehe ich dann vielleicht auch nicht mehr so leicht.

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