Zufrieden auf Abwegen

Kennt Ihr dieses Gefühl, einfach mal zufrieden mit Euch, der Welt, Arbeit und einfach Allem zu sein? Nein? Ja? Ich lerne diesen Gefühlszustand in letzter Zeit tatsächlich kennen. Und eigentlich ist es genau das, wonach ich immer strebte: Glücklich, zufrieden, mit mir im Reinen und nahezu sorgenlos zu sein. Eigentlich könnte ich mir selbst auf die Schulter klopfen, den Himmel danken und einfach so weiter machen. Wäre da nicht ein leises Klopfen im Hinterkopf. Denn bedeutet Zufriedensein, nicht auch aufhören zu wollen, besser zu sein?

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Man kann es mir nicht recht machen: Da bekomme ich endlich das, was ich mir am meisten gewünscht habe und finde trotzdem nur Grund zum meckern.

Aber vielleicht bin gar nicht ich selbst daran Schuld, sondern mein Umfeld. Wir alle. Immer werden wir mit Vergleichen konfrontiert. Während ich in der Mensa eigentlich nur mein Mittag und ein paar Gespräche genießen will, übertrumpfen sich alle mit ihren Leistungen. Ich würde sagen, ich habe momentan alles super im Griff: Ich bin im Zeitplan, habe den Großteil der Hausarbeiten fertig und schon etwas für die anstehenden Klausuren gelernt.  Eigentlich könnte ich völlig entspannt sein. War ich tatsächlich auch. Vielleicht das erste Mal in meiner Studienzeit. Wäre da nicht des Nachbars Garten.

„Also ich bin schon fertig mit Lernen.“

„Ich hab sogar schon vor Weihnachten angefangen.“ 

„Was? Du bist noch nicht mit ALLEN Hausarbeiten fertig?“

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Und da fließen sie dahin: Meine Zufrieden- und Gelassenheit. Statt ganz ruhig zu bleiben und einfach wegzuhören werde ich skeptisch: Bedeutet meine entspannte Haltung vielleicht etwa, das mir mein Ehrgeiz abhanden kommt? Bin ich vielleicht wirklich zu faul und zu locker? Werden mich all die Anderen überholen?

Einmal im Hamsterrad der Grübeleien gefangen, komme ich da natürlich nicht so einfach wieder raus. Meine Gedanken drehen sich und ich werde plötzlich wieder unsicher.

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Ich habe noch nie etwas davon gehalten, damit zu prahlen, wie man lernt und arbeitet. Jeder hat da seine eigenen Strategien und meine Ergebnisse geben mir Recht, dass ich damit seit Jahren sehr gut fahre. Dennoch lasse ich mich verunsichern.

Natürlich kommt in mir der Gedanke auf, dass die Anderen vielleicht schlicht die Wahrheit verbiegen und ihren eigenen Fleiß noch etwas ausschmücken. Trotzdem zweifle ich wieder an mir. Plötzlich sehe ich mich, meine Arbeit und überhaupt alles in einem anderen Licht. Weshalb sollte ich zufrieden sein, wenn es noch besser geht? Wieso mit meiner jetzigen Figur und meinem Aussehen glücklich sein, wenn ich noch schlanker werden könnte? Mir einfach mal Zeit für mich nehmen, ist ja schön und gut, aber in diesen Stunden könnte ich noch mehr lernen. Meine Hausarbeit finde ich super, aber vielleicht sollte ich statt 15 Stunden Arbeit, 20 hineinstecken? …

Ich könnte ewig so weitermachen. Und am Ende bin ich wieder da, wo ich eigentlich weg wollte: Hysterie, Stress, Unzufriedenheit. Und das alles habe ich eingebüßt….Für nichts.

Aber woher kommt dieses Denken? Warum wird Zufriedenheit nicht von allen bewundert, sondern eher skeptisch gesehen? Warum muss man immer noch besser, noch schöner, noch produktiver werden? Und wieso haben Andere immer das Bedürfnis, Mitmenschen ihre angeblichen Fortschritte aufzudrängen?

Vielleicht interessiert es mich gar nicht, dass Du schon vor Weihnachten mit dem Lernen für die Klausuren im Februar angefangen hast. Ich habe eine andere Lerntaktik. Jeder arbeitet anders. Das muss aber nicht schlecht oder besser sein. Wir können uns natürlich gern über die Klausuren und den Stoff austauschen, uns unterstützen. Aber mit Unterstützung hat dieses Unter-Druck-setzen leider nichts zu tun. Im Gegenteil: Mir wird das Gefühl vermittelt, dass ich trotz Stunden des Lesens und Arbeitens völlig unproduktiv bin. Ich bekomme ein schlechtes Gewissen, obwohl es dazu keinen Grund gibt.

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Früher waren psychische Erkrankungen ein Tabuthema in der Gesellschaft. Nur weg von Depressionen! Als wäre es eine ansteckende Krankheit. Und heute? Heute will niemand mehr einfach nur „zufrieden und glücklich“ sein. Alle streben nach Höherem und vergessen dabei ganz und gar, dass dabei womöglich ihr richtiges Leben an ihnen vorbeizieht.

Ich erinnere mich noch genau, als wir Ende der 12. Klasse im Stuhlkreis um unsere Chemielehrerin saßen. Sie wollte kurz vorm Abschluss unserer Schulzeit von uns wissen, was wir in der Zukunft tolles erreichen wollen. Ich war die Vorletzte die sprechen sollte und hörte mir unter Stress die anderen Antworten an.

„Ich werde Arzt.“ 

„Ich gehe ein Jahr nach Amerika.“ 

„Ich mache Karriere bei der Polizei.“ 

„Ich gehe in die Politik.“ 

Nun ja, mein Traum war es in meiner Zukunft zu schreiben und evt. einmal ein Buch auf den Markt zu bringen. Aber das konnte ich natürlich unter so vielen tollen, ausgereiften Plänen nicht zugeben. Doch plötzlich hörte ich die Stimme einer Mitschülerin: „Ehrlich gesagt, ist mir Karriere gar nicht das Wichtigste im Leben. Familie und Glücklich-Sein ist mir viel mehr wert.“

Ich war baff. Dieses Mädchen war an diesen Tag meine persönliche Heldin. Ich gab irgendeine Antwort ab, die die Anderen von mir hören wollten. Aber meine Mitschülerin sagte einfach (und vielleicht als Einzige von uns allen) die Wahrheit. Ihre persönliche Vorstellung von einer lebenswerten Zukunft. 

Unsere Lehrerin gab nur knapp zum Besten, dass es solche Menschen ja auch geben müsste. Und ehrlich gesagt, machte mich diese Antwort sehr wütend.

Wer wundert sich denn noch, dass so viele junge Menschen unter ihrer Psyche zusammenbrechen, wenn sie dermaßen unter Druck gesetzt werden? Und das nicht nur von einer, sondern von sehr, sehr vielen Personen.

Ich wünsche mir ein erfülltes Leben. Einen toller Job. Familie. Finanzielle Absicherung. Reisen. Aber vor allem eins: Zufriedenheit. Und dabei ist es mir einmal vollkommen egal, ob meine Mitmenschen darüber die Nase rümpfen.

Pullover – Le Petite Parisienne

Jeans – Guess

Mantel – Mango

Tasche – MCM

Armreif – Tommy Hilfiger

Ohrring – Colosseum

Fotos: Tom Herold ( click here )

5 Gedanken zu “Zufrieden auf Abwegen

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