Bücher meines Lebens #1

„Doch wenn der Weg, der nun vor ihr lag, auch schmal war – sie wusste, dass Blumen an seinem Rand blühten. Die Freuden ernsthafter Arbeit und guter Freundschaft winkten ihr. Nichts konnte Anne ihre angeborene Fantasie, ihre Welt voller Träume streitig machen. Und schließlich war da immer noch die Biegung in der Straße… „

Wir lesen Bücher. Verschlingen sie. Manchmal fluchen wir auch. Nicht immer einverstanden. Wir inhalieren den Duft von bedrucktem Papier. Stellen die Bücher fein säuberlich geordnet in unser Regal. Manche lassen sie auch unachtsam in einer Ecke liegen. Ein Leser lebt tausende Leben, bevor er stirbt. Wie viele habt ihr bisher gelebt?

Manchmal frage ich mich: Was wäre, wenn nicht Menschen sich die Bücher, sondern die Bücher sich die Menschen aussuchen könnten? Wem würden sie wählen?

Bücher sind mir wichtig. Wichtiger als Schmuck, Schuhe oder Taschen. Ich liebe sie und ich pflege sie. Keine Leserillen, keine Knicke, keine schiefen Buchrücken. Dafür viele Klebezettel und Markierungen mit Bleistift. Schöne Sätze müssen festgehalten werden. Griffbereit sein.

Aber ich gebe auch zu: Manche Bücher würde ich am liebsten wieder zuschlagen. Andere will ich nie enden lassen. Und manche vergesse ich nach einer Weile wieder.

Aber dann gibt es immer wieder die Bücher, die mich nicht loslassen. Nie. Nie, nie wieder. Sie begleiten mich. Ein Leben lang.

Ich weiß gar nicht mehr so genau, wann sich das Buch „Anne auf Green Gables“ zu mir gesellte. Wann es sich wie ein treuer Wegbegleiter bei mir unterhakte und beschloss, bei mir zu bleiben. Ich war auf jeden Fall noch sehr klein. Ich konnte noch nicht lesen. Aber jeden Tag schaute ich die Anime-Serie „Anne mit den roten Haaren“. Da war dieses Mädchen, das es offensichtlich nicht immer leicht hatte. Aber mit ihrer Fantasie schaffte sie alle Hürden im Leben. Ihre Vorstellungskraft rettete sie.

Auf einmal war da jemand, mit dem ich mich identifizieren konnte. Der mir sehr nah war. Auch ich habe immer wieder den Satz gehört „du hast viel zu viel Fantasie, Isabel“, aber auf einmal vergaß ich den tadelnden Unterton und war stolz darauf. Ich war vielleicht ein bisschen so, wie Anne.

In dieser Zeit beschloss ich, zu schreiben. Geschichten, Tagebuch, egal was. Einfach nie aufhören. Ein Wort an das andere. Immer und immer wieder.

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Die eigentlichen Bücher von Lucy Maud Montgomery las ich erst sehr viel später, kurz vor dem Abi. Ich weiß noch, dass ich ganze Nächte wach blieb und komplette Bände auf einmal verschlang. Genau in der Zeit, in der ich mich manchmal so verloren und unsicher fühlte, war Anne wieder auf meiner Seite. Sie machte das gleiche durch, wie ich: Verließ ihre geliebte Heimat, Freunde und Familie…um wiederzukommen. Anne fasste meine Ängste in Worte. Und traf sie dabei jedes Mal auf den Punkt.

Die „Anne-auf-Green-Gables-Bücher“ sind für mich etwas ganz besonderes. Magisches. Für Kinderbücher sind sie unglaublich tiefgründig. Lucy Maud Montgomery schreckte in ihren Büchern auch nicht vor harten Themen, wie Tod, Geldnot, Fehlgeburten oder Liebeskummer zurück. Das finde ich beachtenswert.

Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich mich frage: „Was würde Anne jetzt tun? Wie würde Anne die bunten Blätter finden? Wie würde sie sich Mut machen? Wie würde sie handeln?“ Und auch die Menschen um mich herum, scheinen manchmal aus den Anne-Büchern entsprungen zu sein. Da gibt es einen Gilbert, einen Matthew, eine Diana oder eine Ruby.

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Die Autorin Lucy Maud Montgomery hatte ein ähnliches Schicksal wie Anne. Als Halbwaise wuchs sie bei ihren Großeltern auf, war sehr gut in der Schule und absolvierte ihr Studium in nur einem, statt zwei Jahren. Genau, wie die rothaarige Heldin ihrer Bücher.

Ich glaube, genau das ist es, was Anne auf Green Gables so fantastisch macht: Trotz, dass die fantasievollen Geschichten für Kinder geschrieben sind, sind sie so heftig nah an der Realität, dass es manchmal schon weh tut. Trotzdem sieht Anne immer das Gute in den Menschen und der Welt. Und das ist es, was wir alle von Anne lernen können:

„Tomorrow is a new day, with no mistakes in it yet.“

Egal, welche Streiche uns das Leben spielt: Wir können immer wieder neu anfangen. Wir können uns verbessern und die Welt tut es auch. Jeder Tag ist ein Geschenk, manche sind nur einfach nicht verpackt. Der Himmel ist vielleicht grau, aber die Blätter an den Bäumen strahlen heute besonders bunt. Es regnet fürchterlich, aber dafür knistert der Kamin im Haus so herrlich.

Nur weniges ist wirklich schlimm. Oft sind wir es einfach, die die Welt schwarz malen. Obwohl es immer wieder schönes zu entdecken gibt.

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4 Gedanken zu “Bücher meines Lebens #1

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