Abschlussklasse 2015

Lernen auf der Terrasse. Immer um 10. Weil dann die Sonne auf meine Hefter schien. Vor mir eine dampfende Tasse Cappuccino, bunte Stifte, eine warme Decke um meine Beine gewickelt. April, Mai, noch zu früh für Sommerkleidchen. Aber das störte mich nicht. Auch die Arbeit war nicht schlimm. ‚Bald bin ich fertig‘, wusste ich. ‚Nur noch ein paar Wochen‘, und schon huschte mir ein Lächeln über das Gesicht.

Ich war gerade 18 geworden, überzeugt davon, dass die Welt auf mich gewartet hat. Ich schrieb jeden Tag meine Texte, ging abends aus, fühlte mich schön, stark, unbesiegbar. Ich wollte fremde Länder sehen, in großen Metropolen wohnen, teure Mode tragen und freute mich unbändig auf das Studium. Ich war bereit, so dachte ich. Bereit für ein neues, ganz anderes Leben.

Heute bin ich hier. In der Heimat. Immer noch. Das ist nicht schlimm, im Gegenteil. Ich gebe mein verdientes Geld für Reisen aus, ich sehe viel. Von meinem Zuhause, kann und will ich mich noch nicht trennen. Hier ist meine Liebe, meine Familie, meine Freunde, mein Job, mein Studium. Ich kenne meine Lieblingslokale, weiß, wo ich die beste Mode finde. Ich kenne mich aus, weiß wo es mir gefällt. Und wenn mir doch alles zu eng wird, setzte ich mich mit ihm in den Flieger.

Alles ist anders, als ich es mir vor nicht einmal zwei Jahren vorgestellt habe. Ich lebe in keiner bedeutenden Großstadt, ich hab ein anderes Studium. Aber bin ich deswegen weniger glücklich? Nein! Meine Träume sehen jetzt anders aus. Reifer, realer. Es haben sich neue, wunderschöne Türen geöffnet. Jetzt weiß ich, dass ich erst Umwege gehen musste, um hier stehen zu können. Um zufrieden und glücklich zu sein. 

Im Sommer 2015 lief ich mit Freunden, durch die nächtliche Stadt. Jemand sagte zu mir, dass das Leben wie eine Autobahn sei. Nein! Das stimmt so nicht. Das Leben verläuft nicht gerade. Es gibt viele versteckte Pfade, Schlaglöcher und Kurven. Und das ist gut so. Diese Erkenntnis machen wir alle.

Wenn ich jetzt so zurückblicke, auf die Abschlussklasse 2015, dann schüttel ich zum einen den Kopf und zum anderen muss ich lachen. Wir waren alle laut, bunt, fühlten uns stark, unübertroffen! Manche bewundere ich, wie eine Freundin, die sich aufmachte, um die Welt besser zu machen. Über andere schüttel ich den Kopf, möchte sie wachrütteln und fragen was das alles soll. Sie sind zu anderen bestimmt! Wieso lassen sie sich in Muster pressen, die so gar nicht zu ihnen passen? Manche sind an einen Hindernis hängen geblieben, können ihre Reifen nicht wechseln, bleiben stehen. Hilfe! Panne! Andere sind allein, kommen aus ihrem Kummer  nicht heraus. Viele brachen ihr Studium ab. Das ist nicht schlimm. Sogar richtig. Lieber schnell die Ausfahrt nehmen, als auf der falschen Straße weiterzufahren.

Und dann blicke ich in den Spiegel. Ich muss lächeln. Ich wählte einen anderen Weg, als zunächst geplant. Und ich bin stolz. Es war die goldrichtige Entscheidung.

Wir waren laut, wir waren bunt, wir waren wir! Eine junge, naive Version unserer Selbst. Alles erschien uns leicht. Das Leben ist ein Spiel! Doch es kam anders. Wir waren orientierungslos, sehnten uns nach alten Regeln. Aber heute stehen wir hier: Jetzt sind wir wirklich stark! Und ein großes Stück erwachsener. Trotzdem sollten wir ab und zu einen Blick zurück, über die Schulter werfen. Denn da steht immer noch unser 18-jähriges Ich. Voller Mut, voller Ideale, voller Träume. Wir sollten es nicht verlieren. Wir, die Abschlussklasse 2015. 

hq3a0200

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s