Rot wie Blut

Blau in grau, dachte sie. Blau in grau. Der Himmel sieht so zerbrechlich aus. Milchig. Ist keine geschlossene Decke, sondern ein oft genutzter Farbkasten. Unsauber gemischte Töne gehen harmonielos ineinander über. Blau in grau.

Langsam versucht sie ihren Blick zu senken, ihre Konzentration auf etwas anderes zu lenken, als auf die tristen Farben des Himmels. Ihr weißer, gestreckter Hals verliert an Anspannung, das zarte Kinn senkt sich. Sie hat Angst zu blinzeln, Angst die Leere in ihren Kopf endgültig zu vertreiben. Sie will sich nicht den Kopf zerbrechen, will nicht den Sturm an Gedanken zuhören müssen.

Sie will Stille.

Keine Geräuschkulisse um sich herum.

Kein Wirrwarr aus Stimmen. Mahnend, belehrend oder fordernd.

Sie will allein sein.

Langsam, bedacht versucht sie ein paar Schritte zu gehen. Ihre gut beschuhten Füße gehen sacht auf und ab. Wie auf Watte läuft sie, alles fühlt sich weich und dumpf an. Wieder wendet sich ihr Blick den Himmel zu, doch dieses Mal schafft er es nicht zu verweilen. Ihre irisierenden, grünen Augen senken sich, die schwarzen, dichten Wimpern schaffen es, sie fast unter sich zu verbergen.

Zum ersten mal, seit sie hier ist, nimmt sie ihre Umgebung wirklich wahr. Sonst sah sie nur den Boden unter, oder den Himmel über ihr. Der Wald um sie herum erstrahlt in einen ähnlichen grün, wie ihre Augen. Passt so gar nicht zu den gewohnten grau.

Verwirrt von den kräftigen Farben, wendet sie sich ab, will verschwinden, weg gehen. Ein schneidend kalter Wind lässt sie erschauern. Schnell zieht sie die Stola enger um ihre weißen Schultern.

Blau in grau. Himmel oder Erde?

‚Himmel,‘ sagt sie sich.

‚Himmel‘ und blickt wieder sehnsüchtig nach oben.

Doch dann: Sie lässt die Schmerzen zu, die alten Geistern holen sie ein, legen sich im Sturm um sie. Sie ist wild geworden, will sie vertreiben. Wirbelnde Hände, wirre Augen. Bis sie es zu lässt. ‚Ihr könnt mir nichts mehr.‘ Sie lässt zu. Endlich. Und die Welt um sie herum nimmt wieder Farbe an. Der Schnee glitzert, der Himmel wird blau. Das Herz pocht, ist rot wie Blut. Rot wie Blut. Rot wie Blut. Das ist Leben. Das ist Farbe. Das ist Liebe.

Und ihr könnt mir nichts mehr, ihr bösen Geister. Denn ich habe euch besiegt. Ich bin frei. Ich habe Frieden geschlossen.

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Fotograf: Linda Wächtler

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