Kolumne: „Mein Kopf und ich“: Das Weihnachtskind

Der 24. Dezember. Ich lag noch in meinen weichen Federbetten. Aus der Küche zog ein wohliger Geruch bis zu mir, in mein Zimmer hoch. Ich drehte mich noch einmal um, wollte jede Minute dieses Tages voll und ganz genießen. Denn: Das hier ist etwas Besonders. Selten. Nur einmal im Jahr. Und das will ich festhalten, hole die Marmeladengläser hervor. Einfangen, verschließen, wegpacken. Schöne Gefühle konservieren – für später. Für schlechtere Zeiten.

Der 24. Dezember. Der Himmel bestand aus Blei. War grau, silbrig. Ein ungemütlicher Tag. Vor mir zog sich die örtliche Einkaufsstraße müde und leer hin. Nur wenige sind auf den Straßen unterwegs. Wir haben noch zwei Stunden, meine Schwester und ich. Denn dann kommen meine Eltern von der Arbeit und die Geschenke müssen endlich fertig sein. Einkaufsnot. Und das am Heiligen Abend. Aber: Auch das war schön. Irgendwie. Lustig, stressig, einmalig. ‚Das wird uns nicht nochmal passieren‘, schworen wir uns. Und wir hielten unser Versprechen.

Der 24. Dezember. Ich saß mit meinen Eltern vor dem bunt beschmückten Baum. Vor uns das IPad. Erst zaghaft, dann immer freudiger nahmen wir ein Video auf. Ein Gruß in die Ferne. Denn meine Schwester, einer meiner Lieblingsmenschen, der fehlte heute. War nicht da. Irgendwo in der weiten Welt. Oder doch gerade auf dem Meer? So genau wussten wir das nicht. Dieses Weihnachten war ganz anders. Weniger ausgelassen, weniger laut und weniger besinnlich. Ruhig. Leise Festtage. Doch: Auch magisch. Irgendwie. Denn wir rückten näher. Waren uns ähnlicher denn je. Waren vereint in der Sehnsucht.

Der 22. Dezember. Die Geschenke sind dieses mal schon lange fertig. Sogar verpackt! Ich liege nicht mehr in den Federn und meine Schwester ist wieder da. Seit Jahren aß ich wieder gebrannte Mandeln. Spazierte von einen zum anderen Weihnachtsmarkt. Ich bin voller Vorfreude. Bin ein Weihnachtskind. Voll und ganz. Und ich bin gespannt: Wie es dieses mal wird. Was den 24. 2016 von all den anderen unterscheiden wird. Aber eins weiß ich: Es wird schön. Es wird besonders. Es wird magisch. Weil das Weihnachten ausmacht. Weil ich weiß, dass es gut wird. Denn ich bin ein Weihnachtskind. Und werde es auch bleiben.

Aber da bleibt auch die Wehmut, die sich zwischen mich und die Vorfreude drängt. Denn ich will nicht loslassen. Kein Weihnachtskind möchte das. Ich will hinauszögern, festhalten, noch lange über Märkte schlendern, Punsch trinken und mir dabei die Zunge verbrennen. Ungeduld. Denn ich bin ein Weihnachtskind. Und das ist meine Zeit.

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Mantel – Orsay

Schal + Mütze – selber gestrickt

Fotos: Tom Herold (click here)

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