Der Konflikt

Ich steige in mein kleines, weißes Auto, schließe die Tür, starte den Motor. Es ist 18 Uhr. ‚Ein langer Tag‘, denke ich. Ich fahre meine gewohnte Strecke. Bahnhofstraße, Brückenstraße, Theaterstraße. Vorsichtig lasse ich immer mal wieder den Blick schweifen, aus den Fensterscheiben meines kleinen, weißen Autos. Erst Großstadt, dann Land und weite Felder, dann der vertraute Kreisverkehr und ich weiß: Gleich bist du zuhause.

Der geschmückte Weihnachtsbaum gegenüber meiner alten Schule zaubert mir ein Lächeln auf’s Gesicht. Das eine Café, in dem wir uns immer trafen, die alte Turnhalle, der Spielplatz, die stillgelegten Bahngleise. Das alles lässt mich entspannen. Ich bin zuhause. Spüre tiefste Zufriedenheit. Und das beruhigt, beunruhigt mich.

Müsste ich nicht fliegen? Wozu hat  man mich, nach Jahren im Käfig, frei gelassen? Müsste ich nicht eine andere, große, ferne Stadt meine Heimat nennen? Sollte ich nicht eigentlich in der weiten Welt und nicht hier zuhause sein?

Das schlechte Gewissen. ‚Früher hattest du Träume‘, flüstert es in meinem Inneren. Das verraten mir auch meine zahlreichen Tagebücher. Weg von hier, Erfahrungen sammeln, sich mit nichts zufrieden geben. Und dann ist es doch passiert: Ganz klang und heimlich. Plötzlich. Ich bin zufrieden. Und zwar hier. In der Kleinstadt. Sollte das nicht anders sein?

Das schlechte Gewissen. Verrate ich mich damit selbst? Habe ich mir etwas vorgemacht? Sollte ich nicht über meinen Schatten springen und verschwinden? In die weite Welt? Was ist die weite Welt? Wer braucht sie? Was macht sie mit uns? Hinaus? Ins kalte Wasser? Doch eben erst fliegen gelernt und schon allein?

Doch vielleicht gehört es zum Erwachsen-Sein, dass man los lässt. Die alten Träume nämlich. Denn ich merkte: Man braucht nicht immer die weite Ferne, um glücklich zu sein:

Heute Mittag: Ich sitze auf einer Bank. Um mich herum geschäftiges Treiben. Bürogebäude, Studenten, die zu wichtigen Klausuren eilen. Ein Mutter-Tochter-Gespann. Und dann: Das Mädchen in grün, mit goldenen Schmuck, das einfach innehält und mal ganz leise ist. Das bin ich. 

Die Sonne scheint auf mich herab, trotzdem fröstelt es mich. Ich könnte zurück, aber wer möchte schon ins Dunkle?

Mittagspausen-Philosophie. Ganz entspannt. Der Zeit enthoben. Angekommen. Bis ich weiter muss. Aber vielleicht vorerst nicht hinaus in die große, weite Welt. Zunächst genügt mir auch erstmal das hier. Auch ohne schlechtes Gewissen. 

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Pullover – New Yorker

Jeans – Monday Denim Makers Premium

Schuhe – Deichmann

Tasche – Vintage

Uhr – Astron

Armband – Fossil

Ring – Vintage

Ohrringe – S.Oliver

Fotograf: Tom Herold (click here)

2 Gedanken zu “Der Konflikt

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