Einmal ohne Alles, bitte

Das erste Mal geschminkt habe ich mich mit 17. Spätzünder. Wimperntusche, Lipgloss – das war´s. Mehr wollte ich nicht. Manchmal kämpfte ich regelrecht mit mir: Ich wollte natürschön sein und empfand es als falsch, einzugreifen. Mich selbst zu verwandeln. Ein Gewissenskonflikt. 

Aber nach und nach machte es mir Freude. Auf Modenschauen lernte ich, wie man mit einfachen Tricks sein ganzes Gesicht ummodellieren konnte. Das war zwar nach wie vor nichts für mich,  faszinierend war es jedoch allemal.

In der 12. Klasse konnte ich es mir schon nicht mehr vorstellen, ohne MakeUp aus dem Haus zugehen. 20 geschlagene Minuten brauchte ich morgens im Bad. Vielleicht klingt das für manche wenig, für mich bedeutete es aber sehr, sehr viel. In einer gewissen Weise war ich eine Gefangene. Ein Sklave meines Aussehens. Es war wie ein Teufelskreis, von dem ich einfach nicht weg kam. Meine Haut wurde durch das schwere MakeUp schlechter, also verwendete ich noch mehr, um einigermaßen „vorzeigbar“ auszusehen. Hier muss ich jedoch sagen, dass nur ich das so sah. Mein Umfeld meinte nach wie vor, dass ich ungeschminkt am schönsten sei.

Die Folge? Ich wurde unzufrieden.

Mit Naturschönheit hatte das wenig zu tun. Gar nichts, wohl eher gesagt. Ab dieser Erkenntnis begann ein wahrer Kampf.

Viele kommen nicht vom Alkohol los, schaffen es nicht auf Nikotin zu verzichten. Und ich fühlte mich ohne Schminke entstellt.

Und heute? Ein Jahr später? Ich habe mich selbst wiedergefunden und bin zufriedener. Liebe mich auf einmal viel mehr. Und das ist doch das Schönste, oder? Sagen zu können, dass man sich selbst liebt, ohne dass es narzistisch ist. Ich genieße es, nach einen langem Tag nicht zum Abschminktuch greifen zu müssen, trotzdem aber Komplimente zu bekommen. Die Leute sind oft erstaunt, wenn sie das Wort „ungeschminkt“ hören. Ist das nicht traurig? Contouring, Highlighter und Co gehören zum festen Bestandteil. Junge Mädchen verzichten nicht mehr auf falsche Wimpern, dunklen Lippenstift und Bronzer.

Natürlich liebe ich es, mich zu verschönern. Mich mit MakeUp zu verwandeln. Aber eben nur hin und wieder. Ich pflege mich sehr, sehr aufwendig – um ungeschminkt, wie geschminkt auszusehen. Deshalb investiere ich lieber in ein Wimpernserum statt in Fake Lashes. Oder in gute Gesichtsmasken, statt ein sehr deckendes MakeUp.

Und müssten wir uns nicht fragen, ob wir die Menschen belügen? Etwas zeigen, was es so gar nicht gibt? Es ist jedem selbst überlassen, ein bisschen Schminke muss selbst für mich sein. Wimperntusche, Pflege für die Lippen. Aber ich möchte dazu aufrufen, sich mehr zu lieben. Sich nicht zum Sklaven der Kosmetik zumachen.

Also liebe Frauen und Mädels: Einmal ohne Alles, bitte!

38ungeschminktibug27

An diesen Tag war ich komplett ungeschminkt – und wie ihr seht trotzdem, oder gerade deshalb, glücklich!

Oberteil – H&M

Hose – Monday Denim Makers Premium

Schuhe – Deichmann

Tasche – Deichmann

Handy – IPhone 6

Handyhülle – von Mike Galeli, Istanbul

Vielen Dank an meinen Freund für den schönen Tag und die Fotos

Fotos: Tom Herold

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